Was ist ein Übergang, in dem Sinne wie wir ihn in der Gestaltung von zeitgemäßen Übergangszeiten verstehen und warum ist eine neue Erzählung, so wie wir es nennen, dafür unterstützend?

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Übergänge begegnen uns Menschen, unserer Erfahrung nach, immer dort im Leben, wo unser Leidensdruck soweit gewachsen ist, dass wir an einem Punkt stehen, wo wir für uns in eine neue Richtung gehen möchten. Einst gefällte Entscheidungen, überholte Selbstbilder, alte Glaubenssätze und verkörperte Haltungen können sich in solchen Veränderungszeiten wie eine zu eng gewordene Haut anfühlen, die für uns durch Herausforderungen in unseren Beziehungen, sowie berufliche und persönliche Krisen erkennbar werden können.

 

Der inneren Sehnsucht, einen Übergang bewusst zu gestalten und in eine neue Richtung zu gehen, geht in vielen Fällen eine persönliche Krise, innere Leere, Fragen nach dem Sinn des eigenen Daseins und Orientierungslosigkeit voraus. 

Aus unserer Sicht lässt sich der Prozess einer Krise so beschreiben, dass sich tief in unserem Inneren bereits ein Wandel vollzogen hat, den wir nur erahnen können, da er noch im Begriff ist aus dem Unterbewussten an die Oberfläche zu drängen. Wir können es noch nicht greifen, es ist aber schon ahn- und spürbar. Dieser Prozess lässt sich ähnlich wie eine Geburt beschreiben und stellt uns vor die Herausforderung, dieses noch nicht Greifbare, aber bereits in uns Spürbare zuzulassen. Dieses Neue bringt unsere bisherigen Annahmen und Selbstbilder über uns selbst und die Welt ins Wanken und fordert uns auf, wenn wir uns darauf einlassen möchten, an die Grenzen unseres Bekannten zu gehen. Dieses noch unbekannte Neue verlangt von uns, diese uns zu eng gewordene Haut auf ihre Beschaffenheit und ihre Bestandteile zu untersuchen und zu prüfen, was wir ähnlich wie in einem Verdauungsprozess davon ausscheiden und abstreifen und was wir davon für uns weiter nutzen möchten. Die alte Erzählung über uns selbst und die Welt ist uns bildlich gesprochen zu einem zu engen Korsett geworden, in dem wir uns mit unserer aktuellen inneren Wahrheit nicht mehr gemeint fühlen.

 

Richard Rohr, geboren 1943 in Kansas, Franziskanerpater und Gründer des »Zentrums für Aktion und Kontemplation« in New Mexico/USA beschreibt als Aufgabe unseres menschlichen Daseins die Reise der ersten und die der zweiten Lebenshälfte. In der ersten Lebenshälfte arbeiten wir Menschen in Beruf, Familie und Partnerschaft an der Form unseres Lebens. In der zweiten Lebenshälfte geht es mehr um die Gestaltung und das Füllen von Inhalt dieser Form. Wann und ob wir diese Reise in die zweite Lebenshälfte antreten, entscheidet weniger unser Alter in Lebensjahren, sondern vor allem Erfahrungen des Loslassens und die Hinwendung zu unseren innersten Bedürfnissen, Sehnsüchten und dem eigenverantwortlichen Sein und Wirken zum Wohle der Gemeinschaft. Die erste Lebenshälfte hat seiner Aussage nach, lediglich die Aufgabe und Notwendigkeit, Ausgangspunkt für die zweite Lebenshälfte zu sein. So gesehen ist  alles, was wir in der ersten Lebenshälfte bisher aufgebaut, verkörpert und erlebt haben, so alt und überholt es sich für uns auch anfühlen mag, absolut notwendig gewesen.

 

Mit diesem kurzen Ausflug, lässt sich die Qualität von zeitgemäßen Übergangszeiten, wie wir sie verstehen gut veranschaulichen. Es geht bei bewussten Übergängen weniger um die Gestaltung der Form und von Veränderungen im Außen, sondern es geht um den Übergang von überholten inneren Haltungen und Annahmen hin zu Hinwendung zu unseren aktuellen innersten Bedürfnissen und sich daraus ergebenden Standpunkten und Entscheidungen.

Unsere alten Glaubenssätze und Annahmen über die Welt sind der Inhalt unserer bisherigen Erzählung, durch die wir die Formen der ersten Lebenshälfte geschaffen haben. (z.B. „Ich möchte einen sicheren Beruf, Familie und strebe nach Anerkennung und einem guten Ruf“). Erst wenn wir bereit sind über den Friedhof der persönlichen Mythen zu gehen, unsere überholten Selbstbilder und Annahmen über die Welt, also unsere bisherige Erzählung in der Tiefe auf ihre Beschaffenheit überprüft haben und spüren, dass wir uns darin nicht wiederfinden, können wir mit der Gestaltung einer neuen Erzählung beginnen, die mit unseren sehnlichsten Bedürfnissen, Standpunkten und Entscheidungen gefüllt ist.

Wenn wir uns in Übergangszeiten also lediglich um Veränderungen im Außen bemühen, arbeiten wir dem Vorhergegangen nach, nur an der Form, während die alte Erzählung über uns noch bestehen bleibt und verhindert, dass wir an den Punkt kommen, an dem wir beginnen unser Leben mit Inhalt zu füllen.

 

Fünf werden als Aufgabe für einen Übergang zu einer neuen Erzählung

Ein Blick auf das entwicklungspsychologische Orientierungsmodell der 4 Schilde kann uns dabei helfen, diesen Prozess noch besser zu verstehen. Das Modell der 4 Schilde / der 4 Himmelsrichtungen beschreibt unsere 4 grundlegenden Möglichkeiten auf die Welt zuzugehen -  mit dem Körper (Süden),der Psyche (Westen), dem Verstand (Norden) und dem großen Geheimnis (Osten). Mit unserer alten oder bisherigen Erzählung finden wir uns meist in einem Ungleichgewicht bzw. einem Übergewicht in einer archetypischen Kraft des Models wieder. Dies könnte so aussehen, dass wir uns mit unserer bisherigen Erzählung dem Nordenschild des Rades verschrieben haben und einen Überfokus auf die Qualitäten des Verstandes legen wie Planen, berechnendes Handeln, Arbeit, Struktur, Verantwortung und Regeln und die anderen Schilde (Großes Geheimnis, Körper und Psyche) die übrigen, aus dem Wasser ragenden Seiten eines sinkenden Floßes darstellen. Genauso gut könnte es sein, dass wir mit unserer bisherigen Erzählung hauptsächlich Qualitäten des Osten-Schilds genährt haben und so einen Überfokus auf Meditation, Religion, Kreativität und der Hinwendung zum Göttlichen haben, im Süden auf Körperlichkeit, Emotionen, Genuß, Triebbefriedigung und Sexualität, im Westen auf Rebellion, Grübeln, Zweifeln und dem Beschäftigen mit den großen Fragen des Lebens.

Die Arbeit mit dem Rad rät uns ein dynamisches Gleichgewicht einzunehmen, in dem wir uns immer wieder in einer dynamischen Mitte wiederfinden und alle Schilde unserer menschlichen Natur ausgeglichen verkörpern. Dieses dynamische Gleichgewicht haben die Gründer und Entwickler der 4 Schilde, Meredith Little und Steven Foster mit „Fünf werden“ beschrieben. Es geht also in unserer Arbeit mit bewussten Übergangszeiten auch darum ein ganzheitliches Verständnis dafür zu bekommen, was wir persönlich brauchen, um uns langfristig immer wieder in einer dynamischen Mitte wiederzufinden, um fünf zu sein.